Samstag, 24. Januar 2015

Kamikaze - Mach's gut kleiner Welpe, liebes Leben...

Kamikaze – Für die einen ein Symbol der Sinnlosigkeit des Krieges, für manche Symbol der Verzweiflung angesichts der Niederlage und für nicht wenige Symbol für den absoluten Opfermut im Angesicht des Todes. Ein Bild ging um die Welt, welches sehr junge Piloten zeigt, die ihr Leben, einen Tag nachdem dieses Foto aufgenommen wurde, opferten – Hingabe bis zum Tod für Kaiser und Heimat. Wer war der Junge, der den kleinen Welpen hält?






Ein Foto, das 5 lächelnde junge Piloten mit einem kleinen Hundewelpen zeigt, wurde zur berühmesten Darstellung japanischer Kamikazeflieger des 2. Weltkrieges. Die jungen Piloten auf dem Bild waren Teil der 72. Shinbu-Staffel (Spezialangriffseinheit) der kaiserlich japanischen Armee, welche, am 27. Mai 1945, einen Angriff auf die US-Marine bei Okinawa flog. Der junge Pilot in der Mitte, der den kleinen Welpen hält, hieß Yukio ''Yuki'' Araki und war 17 Jahre und 2 Monate alt als er, einen Tag nachdem dieses Foto aufgenommen wurde, bei einem Kamikazeangriff sein Leben opferte.

Yuki wuchs auf in der kleinen Stadt Kiryu in der Präfektur Gunma. Als Kind liebte er Modellflugzeuge und gewann den ersten Preis in einem Wettbewerb, in dem er ein Modellflugzeug für die längste Zeit in der Luft hielt. Er meldete sich mit 15 Jahren freiwillig zu einem Trainingsprogramm der Armee, in welchem Jugendliche zu Piloten ausgebildet wurden. Im Sptember 1943 rückte Yuki zur 6 monatigen Grundausbildung im Tachiarai-Luftwaffenstützpunkt der kaiserlich japanischen Armee ein. Bei seinem Abschluss erhielt Yuki die höchste Auszeichnung für seine herausragenden Leistungen. Dannach wurde er versetzt in die Nähe des Stützpunktes Metabaru, für weiteres Flugtraining, und dann im Mai 1944 nach Pjöngjang (Korea) zum Training auf Mitsubishi Ki-51 Erdkampfflugzeugen.

Etwa Februar 1945 meldeten sich die Flieger von Yukis Einheit, der 23. Rensai Staffel in Pjöngjang, geschlossen freiwillig für Kamikazeeinsätze. Im März verlegte die Einheit zum Kakamigahara Luftwaffenstützpunkt, um ihre Maschinen für Kamikazeeinsätze umzurüsten. Dort wurde die Einheit dann in 72. Shinbu-Staffel umbenannt und Yuki nahm am 5. April die Gelegenheit zu einem letzten Besuch bei seiner Familie wahr. Obwohl die näheren militärischen Einzelheiten geheimgehalten wurden, ahnte Yukis älterer Bruder und wahrscheinlich auch seine Eltern, dass dieser Besuch wohl der letzte war. Er übergab seinen Eltern drei Briefe, die im Falle seines Todes geöffnet werden sollten, einen für seine Eltern, einen an seinen älteren Bruder und einen an seine 3 jüngeren Brüder. Nachdem Yuki zurückgekehrt war zu seiner Einheit, kam sein älterer Bruder allein zum Luftwaffenstützpunkt, um ihn ein letztes mal zu sehen.

Nach der Umrüstung der Ki-51 Flugzeuge kehrten die 12 jungen Männer der Staffel zurück nach Korea, um weitere Befehle abzuwarten. Am 21. April 1945 erhielten sie, wahrscheinlich aufgrund verworrener Umstände in der militärischen Führung, den Befehl nach Nanking in China zu verlegen. Wegen eines US-Anriffes, im Zuge dieser Verlegung, verlor ein Pilot sein Leben und ein weiterer wurde verletzt. Am 5. Mai erhielten sie den Befehl nach Metabaru, wo Yuki bereits zu Trainigszwecken stationiert war, zu verlegen. Nachdem die Maschinen in Pjöngjang gewartet wurden, erreichte die Staffel mit 10 Leuten am 17. Mai Metabaru und wartete auf weitere Befehle.

Am 25. Mai verlegte die 72. Shinbu-Staffel zum geheimen Bansei Luftwaffenstützpunkt, an der südlichen Spitze von Kyushu. Am 26. Mai machte ein Fotograf der Asahi Shimbun, einer großen japanischen Zeitung, das berühmte Foto von Yuki mit dem kleinen Hundewelpen und 4 seiner Staffelkameraden. In den frühen Morgenstunden des 27. Mai schrieb Yuki seinen letzten Brief an seine Familie, dannach startete die Staffel, wobei eine der Maschinen zurückkehren musste, wegen eines Motorschadens. Von den 9 Angehörigen der 72. Shinbu-Staffel, die Kurs auf Okinawa nahmen, waren 6 unter 20 Jahre alt.

Hier Yukis letzter Brief, vom 27. Mai 1945, an seine Familie:

Ich schreibe meinen letzten Brief und hoffe es geht Euch gut soweit.

Heute gehe ich auf eine glorreiche Mission und ich werde bestimmt großen Erfolg in der Schlacht haben. Ich warte auf den Tag, an dem wir uns wiedersehen in Kudankita, wenn die Kirschblüten blühen.

Bitte paßt auf Euch auf. Übermittelt bitte meine Grüße an meine jüngeren Brüder und an alle in der Nachbarschaft.

Sayonara

Kundankita ist ein Bezirk in Tokyo, in dessen Mitte der Yasukunischrein ist, welcher gewidmet ist denen, die ihr Leben opferten im Dienst für das Japanische Kaiserreich.

Hier der Inhalt einer Bleistiftnotiz an seine Eltern:

Lieber Vater, liebeMutter,

ich hoffe Euch Allen geht es gut.

Ich breche am 27. auf, an den Ort der entscheidenden Schlacht. Hiermit übersende ich ein paar Strähnen meiner Haare, abgeschnitten in der Nacht vor meinem Feindflug, sowie das Abzeichen der 72. Shinbun-Staffel, von meinem Fliegeranzug, den ich bis zum Ende tragen werde.

Bitte paßt auf Euch auf und bitte entschuldigt diese hastig geschriebene Notiz.

Yukio



Die 3 Briefe, die Yuki, bei seinem letzten Besuch am 5. April, bei seiner Familie ließ, sollten geöffnet werden im Falle seines Todes.

Hier der Brief an seine Eltern:

Lieber Vater, liebe Mutter,

ich hoffe Euch und meinen Brüdern geht es gut soweit.

Es wurde entschieden, dass ich als Teil der Tokkotai (Sepezialangriffstruppe) teilnehme an der Schlacht um Okinawa. Das hat mich tief bewegt und mein einziger Wunsch ist es, ein feindliches Schiff mit einem einzigen Schlag zu versenken.

Wenn ich zurückblicke, möchte ich mich entschuldigen dafür, dass ich nicht in irgendeiner Weise für Euch dagewesen bin in den letzten etwa 10 Jahren.

Durch die Lehren von verschiedenen Vorgesetzten seit meinem Eintritt in die Armee, widme ich nun mich selbst meinem Land, als Mitglied der Tokkotai. Bitte findet gefallen an Eurem Wunsch, für meine Loyalität gegenüber dem Kaiser sowie der Hingabe an die Eltern.

Ich fühle kein Bedauern und folge geradewegs meinem Pfad.

Ich bitte Euch meine drei jüngeren Brüder zu erziehen, dass sie unserem Land dienen können als edle Flieger. Meine aufrichtige Hoffnung ist auch, dass Ihr gut auf Euch acht gebt und Euer Bestes gebt an der Heimatfront.

Bitte übermittelt meine Grüße an alle Verwandten und die Nachbarn.

Sayonara,
Yukio Araki
72. Shinbu-Staffel

Diesen Brief richtete Yuki an seinen älteren Bruder Seiichi:

Lieber Bruder,

ich danke Dir für die lange Zeit, in der Du auf mich Acht gegeben hast. Ich gehe in den Tod ohne Reue und werde einen ernsthaften Treffer machen.

Ich entschuldige mich dafür, dass ich bis heute nicht die Gelegenheit hatte mich für Deine Güte zu revanchieren. Bitte sei erfreut, dass diese Versetzung an die Front mein Dank an Dich ist.

Heute, wo die Lage im Krieg immer ernster und ernster wird, ist es mir wichtig meinen jungen Körper in den Feind zu stürzen. Dieses Jahr trittst Du auch in das Militär ein und ich erwarte aufrichtig, dass Du Dich anstrengst mit harter Arbeit und hingebungsvollem Dienst im Militär.

Ich möchte Dich und unsere Eltern um etwas bitten. Achtet bitte auf die Ausbildung meiner drei jüngeren Brüderund das sie mir in der Zukunft als gute japanische Männer nachfolgen werden.

Auf das wir uns wiedersehen unter den Blüten von Kudankita.

Yukio

Den folgenden Brief schrieb Yuki an seine jüngeren Brüder:

Liebe Brüder, Yasuyoshi, Yoshio und Kunikatsu,

lernt sehr gut und esst reichlich. Zaudert nicht mit Lebensmittelrationen. Ihr werdet nicht wachsen, wenn ihr nicht esst. Tut bitte, was die Eltern Euch sagen, und werdet gute japanische Männer.

Gebt Euch nicht damit zufrieden wenig zu erreichen im Leben. Seid nicht stolz mit kleinen Erfolgen, tut Euer Bestes in Allem. Erinnert Euch an Toyotomi Hideyoshi. Schon seit langen Zeiten sind Fehler die Grundlage jeden Erfolges.

Euer älterer Bruder

Toyotomi Hideyoshi war japanischer Heerführer und Begründer der Tokugawadynaste der Shogune. Er stammte aus einfachen Verhältnissen. Im 16. Jahrhundert startete er einen erfolglosen Versuch der Eroberung von Korea und China.

(Übersetzung der Briefe aus dem Japanischen von Bill Gordon, 2005)
  
Quellen:

  
Yuki Died at 17 in a Kamikaze Attack (Yuki-wa Junanasai Tokko-de Shinda) Nonfiction (Poplar Publishing, 2004)

(May 8, 2005). Originally published in The Concord Review 7 (Fall 1996):175-209.

Naemura, Hichiro. 1993. Rikugun saigo no tokkou kichi: Bansei tokkoutaiin no isho to isatsu (Army's last special attack base: Last letters and photographs of Bansei special attack corps members). Osaka: Toho Shuppan.

Zuerst veröffentlicht am 17. August 2014 auf Historienblog

Sozialer Wohnungsbau nach Art der Fugger

Die Fugger sind ein europäischer Mythos, ein Synonym für Reichtum und wirtschaftliche Macht. In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Jakob Fugger genannt „der Reiche“ zum 555. mal. Ein Grund mehr einen bedeutenden Vertreter der Renaissance zu ehren, nicht zuletzt auch wegen seines Stiftungswerkes, welches unter anderem die Fuggerei in Augsburg umfasst, die sogar etwas mit einem der größten Genies der Musikgeschichte, mit Mozart, zu tun hat und die erste Sozialsiedlung der Welt ist.


Die Fuggerei in Augsburg ist die älteste Sozialsiedlung der Welt. Bereits im Jahre 1521 stiftete Jakob Fugger, genannt „der Reiche“, diese Siedlung für bedürftige augsburger Arme, Tagelöhner, Handwerker und Bürger. Heute wohnen in den 140 Wohnungen, verteilt auf 67 Häuser, 150 bedürftige katholische Bürger der Stadt Augsburg. Die Jahresmiete beträgt bis heute den nominellen Wert eines Rheinischen Guldens, der bei etwa 88 Cent (0,88 EURO, in Worten achtundachzig Cent!) liegt. Dafür sprechen die Bewohner, für den Stifter und seine Familie, täglich ein Vaterunser, ein Glaubensbekenntnis und ein Ave Maria.

Jakob Fugger „der Reiche“

 
 Jakob Fugger, Gemälde von Albrecht Dürer


Am 6. März 1459 wurde Jakob Fugger in Augsburg geboren, wo er am 30. Dezember 1525 auch verstarb. Er wurde in den Familienzweig „von der Lilie“ hineingeboren. Er galt als der bedeutendste Kaufmann, Montanunternehmer und Bankier seiner Zeit. Das Familienunternehmen, was er führte, würde man heute als „multinationalen Konzern“ bezeichnen. Bereits im Alter von 14 Jahren bereitete er sich in Venedig auf seine spätere Tätigkeit vor. Er führte das Unternehmen seiner Familie von einem Handelsunternehmen mittlerer Reichweite zu einem europaweit agierenden Konzern. (nach Geffcken, DAMALS 7/2004)
Mit seiner Unterstützung des Hauses Habsburg hatte er auch Einfluß auf die europäische Politik, der ihm selbstverständlich auch geschäftliche Vorteile einbrachte. Er finanzierte den Aufstieg Kaiser Maximilians I., die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen König und die habsburger Heiratspolitik, in deren Folge die Krone Ungarns und Böhmens für die Habsburger gesichert werden konnten.
Erwähnenswert sind auch die Stiftungen Jakob Fuggers. So stiftete er unter anderem mit der 1509 bis 1512 erbauten Fuggerkappele in St. Anna den ersten Renaissancebau in Deutschland. Der 1515 erbaute Damenhof in den Fuggerhäusern in Augsburg gilt als erstes deutsches nicht kirchlich-sakrale Bauwerk der Renaissance. Im Jahre 1521 stiftete er die Fuggerei in Augsburg.

Die Anfänge der Fuggerei

Die zwischen 1516 und 1523 erbaute Anlage wurde am 23. August 1521 offiziell von Jakob Fugger gestiftet, für bedürftige, katholische Bürger der Stadt Augsburg. Sie war gedacht für von Armut bedrohte Handwerker und Tagelöhner, die beispielweise durch Krankheit in eine Notlage geraten waren. Die Bewohner konnten sowohl innerhalb, wie außerhalb der Fuggerei einer Tätigkeit nachgehen und sollten im Falle der wirtschaftlichen Erholung wieder ausziehen.

 
Die Kirche in der Fuggerei

Der erste Geistliche in der Fuggerei war der Jesuit Petrus Canisius (1521 – 1597), ein Theologe und Schriftsteller, sowie einflußreicher Kirchenlehrer. Dieser war ein bedeutender Vorkämpfer der Gegenreformation und auf ihn gehen die ersten katholischen Katechismen zurück. Er wurde im Jahre 1925 heilig gesprochen.
Die Kirche St. Markus in der Fuggerei wurde in den Jahren 1581/82, vom Baumeister Hans Holl, erbaut und von Markus und Philipp Eduard Fugger gestiftet.


 

Die Fuggerei und kriegsbedingte Zerstörungen

Bereits im Dreißigjährigen Krieg wurde die Fuggerei bis 1642 weitestgehend zerstört, aber dann wieder aufgebaut. Im Jahre 1944 wurde die Fuggerei, im Zuge von Luftangriffen auf Augsburg im 2. Weltkrieg, zu zwei Dritteln zerstört, aber der Aufbau noch im selben Jahr vom Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Familienseniorat beschlossen. Mit Mitteln aus der Stiftung wurde die Fuggerei ab 1945, nach Plänen von Raimund von Doblhoff, wieder aufgebaut. Bereits 1947 zogen die ersten Bewohner wieder ein und Ende der '50er Jahre war der Wiederaufbau abgeschlossen.



Die Bewohner der Fuggerei

 
Nach dem Willen des Stifters sollte die Fuggerei „würdigen Armen“ eine Heimstatt bieten. Es galt, wer dort wohnen wollte musste Augsburger Bürger sein, katholischen Glaubens und mit einem guten Leumund. Diese Regeln gelten, neben den bereits erwähnten Gebeten für den Stifter und seine Familie, bis heute.
Die meisten Bewohner waren in Notlage geratene Handwerker und Tagelöhner. Bis in das 20. Jahrhundert hinein meist Familien mit mehreren Kindern. Einer der Bewohner war 1681 bis zu seinem Tode 1694 der Maurermeister Franz Mozart, der Urgroßvater von Wolfgang Amadeus Mozart. Über dessen Verarmung gibt es verschiedenste Thesen.
Die Lebensbedingungen waren schon für damalige Zeiten recht angenehm. Die Türglocken sind auch heute noch, wie vor nahezu 500 Jahren, mechanisch und jede unterscheidet sich an Griff und Gehänge, um in der Dunkelheit Verwechslungen zu vermeiden.
Das Areal umfasst heute 8 Gassen, eine Kirche und, nach einem Zuerwerb von 1973, 67 Häuser. Die 3 Tore werden nachts von 22 Uhr bis 5 Uhr geschlossen, bis 24 Uhr kommen die Bewohner gegen einen Obulus von 50 Cent, an den Nachtwächter, hinein.
Die Wohnungen der Fuggerei sind 60 Quadatmeter groß und verfügen jeweils über einen eigenen Eingang. Die Erdgeschoßwohnungen haben zusätzlich einen Garten und die im Obergeschoß einen Speicher. Heute sind die Wohnungen an das Fernwärmenetz angeschlossen.




 

Die Verwaltung der Fuggerei

Die Fuggerei stellt eine von 9 Stiftungen in der Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Stiftungs-Administration dar. Sie verfügt über Wälder und Immobilien und finanziert die Fuggrei noch heute. Ab 2006 ist auch der Tourismus eine Einnahmequelle, denn die Fuggerei ist, neben dem Augsburger Rathaus, eine der beliebtesten Touristenattraktionen in Augsburg. Das Aufsichtsgremium ist das Fürstlich und Gräfich Fuggersche Familienseniorat.

Zuerst veröffentlicht am 16. August 2014 auf Historienblog

Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt

Nüchtern betrachtet schon eine absurde Vorstellung: Man hat eine Stadt, teilt sie und baut um einen Teil eine Mauer herum. Als ob das nicht an sich schon kurios genug ist, entwickelt sich das Leben in diesem Archipel vollkommen getrennt von dem ihn umgebenden Umland – Eine vollkommen andere Welt, sozusagen. Wie lebt es sich dort? Was für teils skurrile Begebenheiten ergeben sich durch diese Besonderheit? Was sind das für Menschen dort und was bewegt sie so? Die Autorin, aufgewachsen in Berlin (West), gewährt Einblick...


Das Buch „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt – Eine Kindheit in Berlin (West)“, der Autorin Ulrike Sterblich, gibt Einblick in den Alltag, umgeben von einer Welt, in der es schon zum Politikum wird, ob es nun Berlin, Berlin (West) oder Westberlin heißt, ob man S-Bahn fährt oder doch lieber U-Bahn, was es heißt, wenn es heißt „Letzter Bahnhof...“.
Erzählt aus der Sicht eines Kindes und einer Jugendlichen, rückblickend reflektiert, führt uns die Autorin durch eine Welt, in der bestimmte Kuriositäten zum Alltag gehören. Erst der Blick von Außen, sei es durch Besucher oder mit gewissem eigenen Abstand, zeigt diese Besonderheiten auf.
Neben den ganz alltäglichen Dingen, die ein Kind oder eine Jugendliche so beschäftigen, erscheinen immer wieder Dinge, die teilweise absurd, manchmal erheiternd, auf jeden Fall aber interessant erzählt sind, abseits der großen Politik und doch mittendrin. Vieles wurde von vielen Leuten über diese Stadt geschrieben, aber hier haben wir aus erster Hand, was es hieß, seine Kindheit und Jugend zu verbringen, inmitten einer historischen Posse, von kafkaesken Zügen. Immer einen Blick auf die liebenswerten Besonderheiten dieser Stadt gerichtet, beschreibt uns die Autorin wie man zur Schule gegangen ist, seine Freizeit verbracht hat, sich verabredet hat – kurz wie man lebte, seinerzeit. Am Ende eines jeden Kapitels, als besonderes Gimmick, werden bestimmte Besonderheiten aus dem Kapitel nocheinmal kurz erläutert. Aber ich will nicht zu viel verraten, nur so viel, dass das Buch durchaus lesenswert ist und auch wenn es nicht den Anspruch erhebt ein zeitgeschichtlich bedeutsames Werk zu sein, ist es das ja doch irgendwie. Wie schreibt die Autorin? „In diesem Buch ist vieles erinnert und vieles erfunden.“ - Lesenswert ist es auf jeden Fall.

Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt – Eine Kindheit in Berlin (West), Reinbek, 2012, ISBN 978-3-499-62840-5

Zuerst veröffentlicht am 15. August 2014 auf BiblioMania

Darf ich vorstellen? NAO der Roboter.

Sein Name ist NAO und er ist ein 58 cm großer humanoider Roboter. Er agiert autonom, das heißt er reagiert auf seine Umwelt, kann Personen erkennen und mit ihnen sprechen. Seine Form und Interaktivität machen ihn äußerst liebenswürdig. Aber NAO ist viel mehr als ein Spielzeug. In NAO steckt geballte High Tech und Künstliche Intelligenz. NAO wird eigesetzt als Unterrichtshelfer in allen Alterstufen, bis hinein in die Universität. Außerdem hilft NAO autistischen Kindern. Dies und noch vieles mehr steckt in dem knuffigen Kerlchen.


Man stelle sich einen kleinen Roboter vor, der sozusagen auf Zuruf reagiert. Er könnte mit Kindern beispielsweise Multiplikationstabellen lernen, morgens alle Mitglieder des Haushalts wecken, während der Abwesenheit aller auf das Haus aufpassen und so weiter. NAO kann lernen Emotionen zu erkennen, um darauf zu reagieren. Er kann verschiedene Leute unterscheiden und jeden beim richtigen Namen ansprechen. Dieses und noch vieles mehr ist möglich. Außerdem macht seine Art und Gestik ihn liebenswert, auf eine ganz eigene Weise. So könnte so ein kleiner Roboter zum neuen Familienmitglied werden.

NAO-Trailer (4 min)

 
NAO ist ein autonomer und programmierbarer humanoider Roboter, entwickelt von der französischen Firma Aldebaran Robotics mit Hauptsitz in Paris. Die Entwicklung begann im Jahre 2006. Die NAO Academics Edition wurde entwickelt für Ausbildungs- und Forschungszwecke an Universitäten und Labors. Zuerst eingeführt an Institutionen ist NAO seit 2011 auch privat erhältlich. NAO wird weltweit eingesetzt, so beispielsweise an der Universität Tokyo, dem Indian Institute of Technology Kanpur und der König Fahd Universität.
Einsatzgebiete für NAO sind unter anderem die Ausbildung in den klassischen Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – in allen Altersstufen von der Grundschule, über das Gymnasium, zu berufsbildenden Schulen, bis hin zu Universitäten. Außerdem wird er eingesetzt zur Forschung in den Bereichen Robotik und Künstlicher Intelligenz. Auch zu therapeutischen Zwecken gibt es Studien mit NAO, beispielsweise bei der Förderung von autistischen Kindern.
Im Sommer 2010 machte NAO weltweite Schlagzeilen mit einer synchronisierten Tanzaufführung auf der Shanghai Expo. Im Oktober des selben Jahres kaufte die Universität Tokyo 30 NAO Roboter, um sie in ihren Nakamura Labs zu Laborassistenten auszubilden. Außerdem hatte NAO einen Auftritt als Stand-Up Comedian.
Noch ist NAO eher etwas für Bildungs- und Forschungseinrichtungen, denn sein stolzer Preis liegt zwischen 5000 und über 10.000 Euro. Allerdings ist für die Zukunft geplant NAO und andere auch als Gefährten für Privathaushalte zu realisieren.



Tanzperformance von 20 NAOs (9min)

 
Steckbrief

Name: NAO (NextGen)

Hersteller: Aldebaran Robotics, Frankreich

Typ: humanoidier Roboter

Anwendungsgebiete: Ausbildung und Forschung

Größe: 58 cm

Gewicht: 4,3 kg

Laufzeit (Akku): 60 Minuten in Aktion, 90 Minuten normal

Freiheitsgrad (Bewegung): 21 – 25 (DoF)

Prozessor (CPU): Intel Atom @ 1,6 Ghz

Betriebssystem: NAOqi (Linux)

Kompatibilität: Windows, MacOS, Linux, Unix

Programmiersprachen: C++, Python, Java, MATLAB, Urbi, C, .NET

Visuelle Sensoren: 2 HD 1280x960 Kameras

Weitere Sensoren: 4 Ultraschallsensoren, ein Trägheitssensor, Drucksensoren in den Füßen

Datenverbindung: Ethernet, WiFi

  
Wie NAO funktioniert

Der NAO Roboter ist eine einzigartige Verbindung von Hardware und Software. Er verfügt über verschiedenste Sensoren und Motoren. Das Betriebssystem NAOqi steuert den Roboter und sorgt dafür, dass er die Daten, die er über seine Sensoren empfängt, verstehen und interpretieren kann.
Das Betriebssystem basiert auf natürlicher und emotionaler Interaktion. Somit eröffnet NAOqi neue Wege der Interaktion mit Maschinen, indem man nicht irgendwelche Schalter bedient, oder Eingaben an einer Tastatur tätigt, sondern man spricht einfach mit NAO. Er reagiert auf Stimmen und Daten aus seiner Umgebung. Aus Beobachtungen des Verhaltens einer Person kann NAO auch aus eigener Initiative tätig werden. Wenn er also beispielsweise mitbekommen hat, dass man zum Kaffee eine Zeitung liest, bringt er die Zeitung, wenn man sich einen Kaffee gemacht hat ohne das man ihn dazu auffordert. Das Betriebssystem sorgt dafür, dass NAO ähnlich wie ein Kind lernt, nach einer gewissen Zeit Schlüsselmomente identifiziert und auch lernt eine Konversation zu führen.

Alle NAOs der Academic Edition verfügen über eingebaute Trägheitsmesser mit Beschleunigungssensor, Gyrometer (Drehungsmesser) mit 4 Ultraschallsensoren (Sonarsensoren), die für Stabilität und Positionierung im Raum sorgen. Das Linux-basierte Multimediasystem enthält:

- 4 Mikrofone, für die Spracherkennung und Lokalisation von Geräuschen
- 2 Lautsprecher zur Sprachausgabe
- 2 HD Kameras, einschließlich Form- und Gesichtserkennung

Ausgeliefert wird NAO mit einer Software Suite die ein grafisches Programmiertool (Choreographe), Simulationssoftware und ein Softwareentwickler-Kit enthält. NAO ist außerdem kompatibel mit Microsoft Robotics Studio, Cyberbotics Webots und Gostai Urbi Studio.


Aldebaran Robotics gab im Mai 2011 Teile des Quellcodes zur NAO-Steuerung frei und Intel unterstützte die weitere Entwicklung mit 13 Millionen US-Dollar. Man darf auf Neuigkeiten gespannt sein...

 
NAO im Einsatz für autistische Kinder

Wie bereits SpiegelOnline berichtete, wird in einigen Studien mit Robotern, unter anderem auch NAO, daran gearbeitet, die soziale Kommunikation und die motorischen Fähigkeiten autistischer Kinder zu verbessern. Diese Kinder mögen die kleinen Humanoiden, weil sie unkomplizierter sind und weil ihre Reaktionen leichter vorhersehbar sind.



ASK NAO: Be part of the  journey (3 min)

NAO im Fußballfieber  

NAO ist angetreten bei den jährlich stattfindenden RoboCup-Weltmeisterschaften in der Standard-Platform-League (SPL). Bei diesem Event treffen sich tausende von Wissenschaftlern, um ihre Teams antreten zu lassen. Parrallel dazu findet ein Kongress statt, bei dem man sich austauscht über neueste Entwicklungen in Robitik und Künstlicher Intelligenz. 

 

NAO im Einzelnen

  • 1) Berührungssensoren
  • 2) Lautsprecher und LEDs
  • 3) Infrarotsender und -empfänger, Augen-LEDs
  • 4) Kopfgelenk
  • 5) Bauchtaster (Schalter)
  • 6) Hüftgelenk
  • 7) Hände mit Fingern zum Greifen
  • 8) Knöchelgelenk
  • 9) Stoßempfänger
  • 10) Mikrofone vorn und hinten
  • 11) Kameras
  • 12) seitliche Mikrofone
  • 13) Schultergelenk
  • 14) Sonarsensoren
  • 15) Ellbogengelenk
  • 16) Energieversorgung (Akku)
  • 17) Handgelenk
  • 18) Berührungssensoren
  • 19) Kniegelenk

Aldebaran Robotics

Aldebaran Robotics ist ein französiches Robotikunternehmen. Es wurde am 8. Juli 2005 gegründet von Bruno Maisonnier. Die Vision von Aldebaran Robotics ist es Roboter für das Wohl von Menschen zu machen, mit dem Ziel der breiten Öffentlichkeit Roboter als Lebensbegleiter anzubieten. Auf dem Gebiet der humanoiden Roboter ist Aldebaran Robotics Weltmarktführer.
Nach anfänglichen Gerüchten 2012, betreffs einer Übernahme von Aldebaran Robotics durch den japanischen Konzern SoftBank, wurde 2014 eine Kapitalbeteiligung über 78,5 % bestätigt.

Bruno Maisonnier

 
Aldebaran Robotics entwickelt noch andere KI-Roboter:

Pepper – ein Roboter zur sozialen Interaktion, sozusagen als Familienroboter



Romeo – mit 140 cm, als Unterstützung im Haushalt, zur medizinischen Hilfestellung und sozialen Interaktion



Des weiteren sind verschiedene Projekte im Bereich industrieller Roboter geplant, die in Bereichen eingesetzt werden können, die für Menschen zu gefährlich sind, wie in Atomkraftwerken etc. 

 
Achja...

Der Name NAO, bevor sich jemand den Kopf darüber zerbricht, ist eines von Aldebarans Geheimnissen. Obwohl ich immernoch glaube, dass es eine Abkürzung ist, meint Bruno Maisonnier zu diesem Thema: NAO wäre keine Abkürzung, man solle es eher als ' das ist jetzt der Trend' auffassen, also von englisch jetzt = now = NAO; oder eventuell von Gehirn, also chinesisch Nao = Gehirn; oder er ist einfach nur Fan innovativer Outdoorstirnlampen...

Wofür NAO aber auf jeden Fall steht, ist die Verbindung von Liebenswürdigkeit und High Tech.

Zuerst veröffentlicht am 25. August 2014 auf AdamAI